Vegetationsgutachten 2018: Vielerorts Wald und Wild im Einklang

Viel Lob ernteten die bayerischen Jäger von Staatsministerin Michaela Kaniber bei der Vorstellung des Forstlichen Gutachtens im Agrarausschuss des Bayerischen Landtags. „Vielerorts in Bayern sind Wald und Wild miteinander im Einklang“ sagte die Forstministerin. Dies sei dem beispielhaften Einsatz von Jägern, Waldbesitzern und Forstleuten zu verdanken.

Seit 1986 prüft die Forstverwaltung in Bayern alle drei Jahre, ob der Wald sich gut verjüngt. Das heißt, ob junge Bäume in ausreichender Zahl nachwachsen, oder ob die kleinen Fichten, Tannen, Buchen und Eichen so stark vom Wild verbissen werden, dass sie nicht hochkommen und der Nachwuchs fehlt.

Ergebnisse sind nur ein Anhaltspunkt

Begutachtet werden nicht die einzelnen Jagdreviere, sondern immer eine so genannte Hegegemeinschaft, also ein Zusammenschluss mehrerer benachbarter Reviere. Die Ergebnisse dieses Gutachtens können der Jagdbehörde, den Jagdgenossen und den Jägern bei den Verhandlungen über die Abschussplanung als Anhaltspunkt dienen. Sie sind – laut Gesetz – aber keine Vorgabe für die Höhe der Abschusszahlen.

Für die Jäger im Landkreis Dachau ist ein durchmischter, gesunder Wald die beste Lebensgrundlage für die heimischen Wildarten, deshalb tun sie alles dafür, solche Waldstrukturen zu fördern.

Dynamische Entwicklung

Generell zeigen die Ergebnisse des Forstlichen Gutachtens auch heuer wieder niedrige Verbisswerte. Im Vergleich zu 2015 ist der Verbiss zwar geringfügig höher ausgefallen, bei Laub- und Nadelbäumen hat er um ein Prozent zugenommen. „Das war durchaus zu erwarten“ erklärt Dr. Ernst-Ulrich Wittmann, der erste Vorsitzende des Jagdschutz- und Jägervereins Dachau e.V. „Die Ergebnisse liegen ganz im Rahmen der dynamischen Entwicklung. Schließlich waren die Zahlen in den letzten beiden Gutachten extrem niedrig Entscheidend“, so Dr. Ernst-Ulrich Wittmann, „ist es, dass der Wildverbiss seit es das Forstliche Gutachten gibt, stetig abgenommen hat.“

Wildverbiss geht stetig zurück

In den 80iger und 90iger Jahren hatte sich die Forstverwaltung zum Ziel gesetzt, dass höchstens 20 Prozent der Fichten verbissen werden. Heute liegen die Verbisszahlen längst unter fünf Prozent. Der Zustand der bayerischen Wälder – so der jährliche Waldzustandsbericht – ist so gut wie nie. Im Privatwald liegt der Verbiss – auch das zeigen die Zahlen vor allem für den Tannenverbiss im Bergwald – niedriger als in den Staatsforsten. Die Jäger haben ihre Hausaufgaben gemacht.

Trotzdem werden immer wieder Negativbeispiele in den Vordergrund gerückt und besonders die Zahlen der Bereiche kommuniziert, in denen es noch Nachholbedarf gibt.

Was läuft falsch?

Der Bayerische Jagdverband fordert ein Umdenken beim Forstlichen Gutachten:

  • Blick auf den Erfolg statt auf den Schaden
    Entscheidend für den Nachwuchs im Wald ist das, was an jungen Bäumen nachwächst und in ein hiebreifes Alter kommt. So hat es auch der ehemalige Landwirtschaftsminister Helmut Brunner immer wieder betont. Das Vegetationsgutachten aber betrachtet nicht die vielen tausend Bäumchen, die gut wachsen, sondern zählt nur die wenigen, die verbissen wurden. Oft wird das Gutachten deshalb als „Negativgutachten“ bezeichnet. Doch der Verbiss ist nur ein Faktor, der Klimawandel, die Sommertrockenheit, die Zunahme an Schädlingen im Wald und auch waldbauliche Fehler beeinflussen das Wachstum der Bäume. Tiere im Wald werden immer Bäumchen äsen, sie gehören zum Nahrungsspektrum des Wildes. Das heißt, es wird immer Wildeinfluss geben. Deshalb fordert der BJV ein Gutachten, das die gesamte Zusammensetzung der Vegetation aufnimmt, und nicht nur den Schaden misst.
  • Das falsche Instrument?
    Seit 30 Jahren wird das Gutachten durchgeführt und die Ergebnisse werden alle drei Jahre als ungenügend dargestellt. Gerade die Ergebnisse aus dem Bergwald zeigen, die ständige Abschusserhöhung nutzt nichts, im Gegenteil, zu hoher Jagddruck fördert den Verbiss. Der Wald wächst übrigens trotz 30 Jahre schlechter Ergebnisse so gut wie seit langem nicht, sagt der Waldzustandsbericht.
  • Viele „rote“ Hegegemeinschaften haben keine Chance
    Die Hegegemeinschaften mit hohem Verbiss sind vor allem in den waldarmen Agrarlandschaften zu finden, wie etwa in Unterfranken, dem Bezirk mit dem niedrigsten Waldanteil in Bayern. Diese Hegegemeinschaften werden trotz aller Anstrengungen ihre Verbisswerte kaum verbessern können. Denn das Forstliche Gutachten beurteilt alle Regionen nach „Schema F“. Der Wald in reinen Waldregionen wird genauso bewertet wie kleine Waldinseln in der Agrarlandschaft. Die Folge: Hegegemeinschaften in der Agrarlandschaft sind fast immer „rote“ Hegegemeinschaften, also solche mit hohem oder sehr hohem Verbiss. Denn in der ausgeräumten Feldflur finden die Rehe im Winter keine Nahrung und keinerlei Deckung. Sie müssen sich in die kleinen Waldinseln zurückziehen und dort ihre Nahrung suchen. Ein/zwei Rehe mit einem täglichen Nahrungsbedarf von 300 bis 500 Gramm – der Terminaltrieb einer Fichte wiegt etwa drei bis fünf Gramm – genügen, um dort über den Winter einen „hohen“ Verbiss zu erzeugen. Da der Verbiss dann auch noch prozentual dargestellt wird, entsteht ein völlig verzerrtes Bild von der Höhe des Wildbestandes.

Das fordern die Jäger:

Vorsitzender Dr. Ernst-Ulrich Wittmann fordert deshalb weniger Ideologie beim Blick auf die Ergebnisse des Forstlichen Gutachtens: „Wir wollen das Vegetationsgutachten nicht abschaffen, aber wir wollen keine pauschale Verurteilung, und wir wollen, dass das, was die Jäger draußen für die Waldbesitzer leisten, auch anerkannt wird. Die Tiere des Waldes sind, ein wichtiger Teil der Natur und müssen auch als solcher wertgeschätzt und nicht nur als Schädlinge gesehen werden. Natur ist nicht teilbar. Deshalb wünschen wir uns, dass beim forstlichen Gutachten endlich das zählt, was letztlich durchkommt und das hiebreife Alter erreicht. Denn das ist unser zukünftiger Wald.“

Bildnachweis: Stefan Ott / piclease